Dienstag, 4. August 2015

[INTERVIEW] Robert Corvus

Bernard Craw
Robert Corvus
Seit ziemlich genau 10 Jahren schreibt Robert Corvus - auch bekannt unter seinem Zweitsynonym Bernard Craw - mittlerweile Romane. Vor wenigen Tagen ist sein neuester Roman Drachenmahr erschienen. Meine Rezension zum Buch findet ihr hier.  Außerdem habe ich das neue Buch zum Anlass genommen, um Robert Corvus zu interviewen.
Hallo Robert, herzlich willkommen in der Bibliothek von Imre.

Vielen Dank für die Einladung und das Interesse an meiner Arbeit.

Ich habe ja mittlerweile einige Bücher von dir gelesen, aber wahrscheinlich bist du nicht jedem, der dieses Interview lesen wird, ein Begriff. Stell dich doch bitte einmal kurz vor!

Ich bin 1972 geboren und als Gastwirtssohn in einem Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. Obwohl mein Vater kurz vor meinem sechsten Geburtstag gestorben ist, war es eine behütete Kindheit. Mit zehn war ich Kinderschützenkönig, ich habe in den Jugendmannschaften unseres Fußballvereins mitgekickt, saß aber meistens auf der Ersatzbank.

Mein Abitur habe ich mit den Leistungskursen Deutsch und Geschichte abgelegt, was mich später im Studium der Wirtschaftsinformatik zum Exoten gemacht hat.

Während der Schulzeit habe ich mit Karate begonnen, was auch Interesse an der japanischen Kultur geweckt hat. Darum bin ich nach meinem Wehrdienst einen Monat im Land der aufgehenden Sonne unterwegs gewesen. Ich habe nie einen Meistergrad erlangt, aber immerhin einen braunen Gürtel, und habe an der Universität ein paar Semester unterrichtet.

Mit dem Diplom in der Tasche habe ich in internationalen Konzernen an der Optimierung von Geschäftsabläufen gearbeitet. Ich wurde Unternehmensberater, wobei das Highlight ein Projekt in Russland war, wo ich bei mehr als dreißig Grad Frost auf dem Roten Platz stand – sehr zum Amüsement meiner russischen Kollegen, die sich fragten, wie man so blöd sein kann …

Später wurde ich Projektleiter, und 2013 waren meine schriftstellerischen Erfolge so weit gediehen, dass ich das Schreiben zum Hauptberuf gemacht habe.

Seit fünfzehn Jahren lebe ich in Köln, bin ledig, katholisch (meine Mutter hatte es immer gern, wenn ich das bei Interviews erwähnte) und einer der insgesamt zufriedensten Menschen, die ich kenne.


Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?

Ich habe immer gern Geschichten erzählt, oftmals auch mir selbst. Die erste, an die ich mich erinnere, habe ich auf Kassette aufgenommen. Hauptfigur war ein Panther, und es ging um seine Jagderfolge. Vollkommen frei von dramaturgischen Zwängen hat er alles erbeutet, was ihm vor die Nase kam – er hätte also wohl innerhalb einer Woche den kompletten Dschungel entvölkert.

In der Schule habe ich besonders gern Aufsätze geschrieben und schon damals oft die Längenvorgabe überschritten.

1984 kam ich zum Fantasy-Rollenspiel, 1988 trat ich in einen Fantasy-Club ein, der viermal im Jahr ein Vereinsmagazin veröffentlichte. Dort habe ich viele Kurzgeschichten untergebracht, später dann, in Fortsetzungen, meinen ersten Roman. Er trägt den schmissigen Titel ANGRIFFSKRIEG. Mein Versuch, diesen Text einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war mein Erstkontakt mit dem Verlag Fantasy Productions.

In den 1990ern habe ich auch begonnen, Kurzgeschichten in Fan-Magazinen zu veröffentlichen. In meinen ersten Jahren in Köln bin ich gern durch die Cafés getingelt, um im Rahmen entsprechender Veranstaltungen einen 10-Minuten-Slot zu ergattern und meine Texte vorzutragen. Dadurch kamen einige Geschichten in Anthologien unter, und auch der Kontakt zum van Aaken Verlag entstand. Dort erschien mein erster Roman, den man im Buchhandel bestellen konnte: SANGUIS B. VAMPIRE EROBERN KÖLN.


War von Anfang an klar, dass du Phantastik (Fantasy und SciFi) schreiben würdest oder gibt es noch ein Genre, das du dir für dein schriftstellerisches Schaffen vorstellen könntest?

Es war naheliegend, weil ich besonders gern Fantasy und Science-Fiction lese. Diese Genres nehmen einen großen Bereich in meinem Bücherregal ein. Da ich das schreibe, was ich selbst gern lese, gehen meine eigenen Geschichten in die Richtung meiner Lektüre.

Ich setze aber auch andere Ideen um. Zum Beispiel habe ich Konzepte für historische Romane, die ich aber nicht unterbringen konnte, und fertige Manuskripte für einen Entwicklungsroman und einen Thriller. Mal schauen, was daraus wird. Als Schriftsteller sollte man nichts wegwerfen, sagt George R. R. Martin. Also ziehen diese Sachen etwa alle fünf Jahre auf eine neue Festplatte um, wenn ich mal wieder den Computer austausche.


Lass uns zumindest kurz auf deine Pseudonyme eingehen. Warum gleich zwei davon?

Mit sechzehn war ich der Meinung, jemand, der Fantasy oder Science-Fiction schreibt, bräuchte einen englisch klingenden Namen – einfach, weil die meisten Autoren, die ich las, englische Namen hatten. Ich hatte den Film ›The Crow‹ gesehen und war schwer beeindruckt. Deswegen habe ich ›Crow‹ zu ›Craw‹ abgewandelt, und ›Bernard‹ ist eine Anglifizierung meines Vornamens.

Leider lädt dieser Autorenname zu falschen Schreibweisen ein. In Rezensionen wird das ›Craw‹ wieder zur ›Crow‹, da das englische Wort für Krähe natürlich geläufiger ist, und ins ›Bernard‹ schleicht sich ein ›h‹, weil das der deutschen Variante des Namens entspricht. Wenn die potenziellen Leser dann im Online-Buchhandel nach mir suchen, finden sie mich nicht. Noch schlimmer ist das im Präsenzbuchhandel, wenn sich der Buchhändler vertippt und seinem Kunden mitteilt, es gäbe keine lieferbaren Bücher mehr von Bernard Craw (oder Bernhardt Crow).

Deswegen war es mit dem Schritt in den Publikumsmarkt sinnvoll, ein einfacher zu erfassendes Pseudonym zu wählen. Mein bürgerlicher Name Bernd-Otto Robker kam nicht infrage, da wird der Nachname noch häufiger falsch geschrieben – Rekord bei einer Raumreservierung: »Rüpga«.

Ich habe überlegt, was gut passen würde. Ich wollte primär Dark Fantasy schreiben, also sollten viele dunkle Vokale her, und mit ›Corvus‹ hatte ich die Möglichkeit, durch Rabenmotive auf meiner Homepage eine einheitliche und zugleich inhaltlich passende Gestaltung zu erreichen. So entstand Robert Corvus.


Du schreibst ja teilweise nach Exposé (Perry Rhodan), teilweise in einem vorgegebenen Rahmen (Battletech, Das Schwarze Auge) und teilweise völlig frei. Was fällt dir leichter, was macht dir mehr Spaß?

Im Vordergrund steht immer die Geschichte, die es zu erzählen gilt. Shared Worlds wie BattleTech oder Das schwarze Auge geben ein Gerüst dafür vor, was möglich ist und was nicht. Das ist vergleichbar mit historischen Romanen, die ja auch die Gegebenheiten einer speziellen Kultur und einer bestimmten Epoche berücksichtigen. Hier wie dort gibt es Geschichten, die besonders gut funktionieren, wenn man sie in genau in diesem Setting platziert. Dann wird das Gerüst zu einer Säule, auf der man steht: Es wirkt sich positiv auf die Wirkung der Geschichte aus. Die mit dem Hintergrund vertrauten Leser denken das Drumherum mit, ich kann durch Andeutungen darauf zugreifen. Wenn ich in einem BattleTech-Roman »Kurita« schreibe, weiß der Fan, dass damit eine futuristische Samurai-Kultur gemeint ist. Zudem darf ich alle Ideen nutzen, die Autoren vor mir in diese Universen eingebracht haben – und viele davon sind richtig gut. Wenn man also die richtige Geschichte für eine solche Welt hat, dann fällt es auch leicht, sie in dieser Welt anzusiedeln.

Der Aufwand ist im Vergleich zu einer Fantasygeschichte in einer neuen Welt höher, weil ich Widerspruchsfreiheit mit dem bisher Geschriebenen anstrebe und meine Geschichte zugleich verankern möchte, indem ich Verbindungen zum bereits Geschilderten herstelle. Ich nehme beispielsweise gern ein Gebäude, das schon irgendwo aufgetaucht ist, und lasse meine Figuren diese Lokalität besuchen. Wenn meine Quelle dem Leser unbekannt ist, wird ihm das nicht auffallen, aber wenn er damit vertraut ist, hat er einen Wiedererkennungseffekt. Das macht die Hintergrundwelt für ihn dichter. Ich begebe mich dadurch aber auch in die Gefahrenzone, denn sobald ich bereits Beschriebenes aufgreife, setze ich mich dem Risiko des Widerspruchs aus. Deswegen lese ich im Vorfeld sehr viel, stimme mich mit der Redaktion für den jeweiligen Hintergrund ab und durchforste das Internet nach gesetzten Fakten. Das reduziert sich, je häufiger ich als Autor in eine solche Welt zurückkehre, weil ich dann bereits besser damit vertraut bin und nicht mehr so viel nachschlagen muss.

Bei Romanen in von mir selbst erdachten Welten nehme ich nur Setzungen vor, von denen ich glaube, dass sie für meine Geschichte relevant sein werden. Das geht schneller und ist auch insgesamt organischer, weil bei BattleTech und Das schwarze Auge natürlich sehr viele Leute an der Entwicklung der Hintergrundwelt mitgewirkt haben, was zu einigen Merkwürdigkeiten führt. Diese aufzulösen ist oft reizvoll, aber auch aufwendig.

Perry Rhodan ist eine Kategorie für sich. Dort wird die Teamarbeit so weit getrieben, wie sie im Autorenberuf nur denkbar ist. Das macht es auch angenehm, weil man das Gefühl hat, an einem Tau zu stehen, das alle in die gleiche Richtung ziehen. Bislang war ich jedes Mal sehr früh in die Konzeption eines Serienbeitrags involviert. Die Exposéautoren haben mich gefragt, was für Stoffe mir liegen, wir haben das dann weiter eingegrenzt und schließlich immer etwas gefunden, das mir entgegenkommt. Ich habe die Vorabversionen der Exposés erhalten (die sehr viel ausführlicher sind als übliche Romanexposés) und konnte auch hier Einfluss nehmen. Ich habe mir Protagonisten aus dem Personal der Serie gewünscht und andere aus meinem Roman gedrängt, Schauplätze beeinflusst, auch ganze Binnenhandlungsstränge mit ausgeheckt. Je konkreter das Thema wird, desto spezifischer werden auch meine Anfragen nach Recherchematerial. Ich bekomme dann Datenblätter oder bereits erschienene Serienbeiträge, die ich studiere und aus denen ich Elemente entnehme, die ich in meinem eigenen Beitrag aufnehmen möchte. In meinem aktuellen Perry-Rhodan-Doppelband sind das zum Beispiel ›Stilllieder‹, eine Form von Musik, bei der der Künstler seine Atemgeräusche als Instrumentierung benutzt. Das habe ich bei einem Kollegen gelesen, und es hat mir sofort gut gefallen. Während des Schreibens habe ich stets Zugriff zur Expertise des Teams, meine Detailfragen werden innerhalb eines Tags beantwortet. Die Erfahrung, dass man an etwas arbeitet, das vielen Leuten wichtig ist, trägt zur Motivation bei. Initial, also beim ersten Beitrag, ist der Einarbeitungsaufwand bei Perry Rhodan immens, sofern man nicht aus dem Herzen der Fanbasis kommt. Bei NEO habe ich aber gemerkt, dass sich auch hier der ›Aufwand pro geschriebener Seite‹ erheblich verringert, wenn man häufig für die Serie schreibt.

Trotz aller Vorzüge von Shared Worlds und Serien bleiben meine eigenständigen Romane meine schriftstellerische Heimat. Immer wieder packt mich eine Geschichte, die ich dann sozusagen ›ohne alle Rücksichtnahmen‹ erzählen möchte.


Alles, was ich bisher vor dir gelesen habe, hat eine eher düstere Grundstimmung? Woran liegt das?

Auch in dieser Hinsicht ist Perry Rhodan ein Sonderfall. In diese Universen (es sind zwei, weil NEO ein eigenes Setting hat) passen keine richtig finsteren Geschichten, weswegen auch meine Beiträge den positiven und optimistischen Grundton aufnehmen.

Ansonsten hast Du aber recht, ich mag düstere Settings. Fantasy und Science-Fiction sind Abenteuerliteratur, und das Abenteuer lebt von der Gefahr. Die Gefahr ist umso größer, je mächtiger der Gegner ist und je abscheulicher das ist, was er einem (oder gleich der ganzen Welt) antun will. Darum lernt man in meinen Büchern richtig üble Typen kennen. Nun mag ich es aber nicht, wenn ein Held nur deswegen triumphiert, weil sein Gegner etwas Dämliches tut. Also tun meine üblen Typen selten etwas Dämliches. Das wiederum führt dazu, dass sie mitunter gewinnen. Manchmal sind sie so übermächtig, dass ein strahlender Held überhaupt keine Chance hätte, weil seine Ehrenhaftigkeit ihm zum Verhängnis würde. In solchen Geschichten gibt es dann keine strahlenden Helden, weil sie einfach unglaubwürdig wären, sondern nur üble, sehr üble und furchtbar üble Typen. Das ist auch für die Leser spannend, weil sie herausgefordert werden. Sie identifizieren sich mit Figuren und fiebern mit ihnen mit, stellen aber in einer ruhigen Minute fest, dass sie einem Mörder die Daumen drücken ...

Ein weiterer Grund ist meine Schwäche für Bad Girls. Ich stelle mir einfach gern hübsche, bösartige, junge Frauen vor. Daher bekommen diese oft Hauptrollen in meinen Büchern. Da böse Mädchen definitionsgemäß böse Sachen tun, geschehen in diesen Geschichten dann viele finstere Dinge.

Allerdings habe ich in dieser Hinsicht mit SCHATTENKULT einen Pflock eingeschlagen, an dem ich nicht mehr vorbeikomme. Dieses Buch ist so finster und seine Bad Girls sind so extrem, dass ich das nicht mehr steigern kann. Deswegen wende ich mich inzwischen verstärkt anderen Aspekten zu. GRAUWACHT dreht sich um ein universelles Rätsel, DRACHENMAHR um ein starkes Motiv, das den Hintergrund der Geschichte dominiert. Die Finsternis ist sicher noch vorhanden, aber nicht mehr bestimmend.


Amigurumi-Drachen empfehlen Drachenmahr
Amigurumi-Drachen empfehlen Drachenmahr
Kommen wir zu deinem aktuellen Roman DRACHENMAHR. Während der ersten Seiten musste ich immer wieder an ein anderes Buch von dir denken: DIE TÜRME VON TALADUR 1 – TÜRME IM NEBEL. Ist das Zufall oder hast du hier Ideen aufgegriffen, die du damals nicht verwenden konntest, weil sie nicht in den Rahmen (Das Schwarze Auge) passten?

In gewisser Weise kehrt man zu manchen Stoffen zurück, wenn man der Meinung ist, man hat sie noch nicht ausgereizt. KNECHT ist zum Beispiel eine Rückkehr zu IM SCHATTEN DER DORNROSE, beides sind Fantasy-Road-Movies. Bei DIE TÜRME VON TALADUR hat mir das Setting mit der Stadt als heimlicher Hauptfigur und den um die Macht kämpfenden Adelsfamilien gut gefallen, und insofern hast Du ganz recht: DRACHENMAHR ist unter anderem auch eine Rückkehr zu einem solchen Hintergrund.

Die Ideen, die DRACHENMAHR bestimmen, sind aber tatsächlich erst mit der Arbeit an diesem Buch entstanden. Es ist also nicht so, dass sie seit DIE TÜRME VON TALADUR in der Schublade gelegen hätten. Das Bild vom in der Kathedrale angeketteten Drachen war plötzlich da, während ich auf der Leipziger Buchmesse war. Praktischerweise konnte ich es sofort meiner Lektorin schildern, die auch Feuer und Flamme war. Ich habe dann das Exposé ausgearbeitet, und sie hat die Idee parallel im Verlag platziert.

Aus der anderen Richtung betrachtet hätten wird die Geschichte von DRACHENMAHR unmöglich im Rahmen von Das schwarze Auge erzählen können, selbst wenn wir die entsprechenden Ideen bei der Arbeit an DIE TÜRME VON TALADUR bereits gehabt hätten. Da das Setting in diesem Roman entscheidend ist, eignet sich diese Geschichte nicht für eine Welt, in der viele Rahmenbedingungen gesetzt sind.


Ich möchte jetzt gar nicht zu viel verraten aber in dem Buch kommen sehr früh „Dinge“ vor, die einen an das irdische Christentum denken lassen. Das ist ungewöhnlich, wenn nicht gar mutig. Wie kam es dazu?

In gewisser Weise bin ich ein Theoretiker. Ich denke gern über meine Arbeit nach und versuche, mir die Prämissen bewusst zu machen, die sie bestimmen. Das fällt schwer, weil sie oft so selbstverständlich erscheinen, dass wir sie nicht mehr hinterfragen. Wenn man sie aber einmal gefunden hat, macht es mir großen Spaß, mir zu überlegen, was passiert, wenn man eine davon aufhebt. Manchmal ergibt sich schon aus dem Weglassen einer Prämisse eine ganze Geschichte. So war es bei SANGUIS B. – VAMPIRE EROBERN KÖLN. Eine übliche Annahme bei Vampirgeschichten besteht darin, dass die Untoten im Verborgenen agieren und einige Uralte unter ihnen die Regeln festlegen und durchsetzen. Dadurch halten sie die Population auf einem für die Menschen unauffälligen Niveau. Wenn man diese Prämisse umstößt, wird der Vampirismus zu einer Seuche, die sich rasend schnell ausbreitet. Der kleine, persönliche Horror, der einzelne Menschen betrifft, wird zu einer gesellschaftlichen Herausforderung – er kann die Welt, wie wir sie kennen, sogar in ihrer Gesamtheit gefährden.

Der klassische Dreiklang der High Fantasy ist auch so eine Prämisse: Die Technologie stammt aus dem Mittelalter, die Philosophie aus der Neuzeit und die Theologie aus der polytheistischen Antike. In DRACHENMAHR nehme ich diese letzte Prämisse weg. Ich habe festgestellt, dass ich eine Religion brauchte, die in vielen Aspekten dem Christentum entsprochen hätte. Sie musste Kathedralen bauen, ein mystisches Fundament mit den entsprechenden Riten besitzen, aber auch einen wohltätigen Zweig und zurückgezogen lebende Gläubige. Ich hätte nun eine fiktive Religion erschaffen können, die alle diese Eigenschaften besitzt. Aber wozu? Letztlich hätte ich nur erreicht, dass ich über einen Umweg ein Pseudo-Christentum erschaffen hätte. Das wäre auch erzählökonomisch ungünstig gewesen, denn das Etablieren eines solchen Elements kostet Platz im Buch. Auf diesen Seiten möchte der Leser vielleicht lieber etwas über die Figuren oder den Fortgang der Handlung erfahren. Deswegen bin ich den direkten Weg gegangen.

Hinzu kommt, dass das Christentum in der Unterhaltungsliteratur meist klischeehaft dargestellt wird. Der Gärtner muss inzwischen nicht mehr immer der Mörder sein, aber der Pfarrer ist immer der scheinheilige Intrigant. Sobald in einem Roman jemand ein Kreuz an der Kette trägt, weiß ich als Leser: Der ist ein Heuchler und steckt mit dem Bösewicht unter einer Decke. Beim ersten Mal ist das originell, danach ermüdend, weil vorhersehbar. Die Christen in DRACHENMAHR können freier agieren, sie sind weniger festgelegt. Trotzdem bleiben sie natürlich in den Kontext der Geschichte eingebunden und unterliegen den Beschränkungen ihrer Welt.


Das Buch lebt – meines Erachtens – davon, dass sich die Geschichte sehr ungewöhnlich und überraschend entwickelt. Von daher möchte ich gar nicht weiter auf das Buch eingehen. Je weniger man vor dem Lesen weiß, um so besser. Erzähl doch stattdessen, auf welche Projekte von dir wir uns in naher Zukunft freuen dürfen. Ich habe etwas über eine Romanfassung der Phileasson-Saga gehört. Ist das schon sicher?

Ja, das ist derzeit mein Hauptprojekt. Bernhard Hennen und ich adaptieren dabei die von ihm geschriebene Rollenspiel-Kampagne in Romanform. Wenn man weiß, dass es sich bei der Kampagne um zwölf miteinander verbundene Abenteuer handelt und wir nah an der Vorlage bleiben, kann man sich denken, dass es eine umfangreiche Reihe wird. Die ersten Bände werden 2016 im Heyne Verlag erscheinen.

Die Grundstruktur der PHILEASSON-SAGA bildet eine Wettfahrt zweier Kapitäne. Sie müssen den Kontinent Aventurien umrunden und dabei eine Reihe von Aufgaben lösen, um den Titel ›König der Meere‹ zu ergattern. Bei den Kapitänen handelt es sich um Thorwaler, was die Das-schwarze-Auge-Variante von Wikingern ist. Es geht also rau zu, und die gestellten Aufgaben führen zu Geheimnissen, die die Welt eigentlich längst vergessen hat. Solche Mysterien sind natürlich gut geschützt. Die Wettfahrt ist also eine gefahrvolle Angelegenheit, bei der die Kapitäne nicht nur miteinander konkurrieren, sondern auch gegen mächtige Gegner antreten.

Die Zusammenarbeit mit Bernhard Hennen ist für mich eine sehr schöne Erfahrung. Wir treffen uns immer wieder bei mir in Köln. Dann sprechen wir durch, wie wir die Abenteuer umsetzen wollen, basteln an Szenenplänen und legen fest, wer welche Teile schreiben wird. Die Rohentwürfe schicken wir uns zu und kommentieren sie gegenseitig. Dann treffen wir uns wieder, setzen uns gemeinsam vor den Monitor, gehen bei leckerem Kuchen das Manuskript schrittweise durch und machen es lektoratsfertig. Am Ende steht eine Version, bei der wir beide jeden einzelnen Satz mittragen.

Auch die Redaktion des Rollenspiels Das schwarze Auge ist involviert. Sie unterstützt uns mit Quellenmaterial, Grafiken und einer fachlichen Prüfung unserer Texte, damit alles zur Hintergrundwelt passt. Es gibt auch eine Rückkopplung in die andere Richtung: Wir dürfen uns Dinge wünschen, die in künftigem Hintergrundmaterial für das Rollenspiel etabliert werden. In dieser Form hat es das, glaube ich, noch nie gegeben.

Parallel zur PHILEASSON-SAGA wird bei Piper Fantasy eine neue Reihe von mir starten. Es geht um Gold, um Kämpfe und um Feuer – viel Feuer. Auch hier wird der erste Band 2016 erscheinen.

Für die fernere Zukunft dämmert ein eigenständiger Science-Fiction-Titel herauf. In gewisser Weise bin ich darauf besonders stolz, weil ein solcher Programmplatz in einem Publikumsverlag für einen deutschsprachigen Autor noch immer schwierig zu ergattern ist.


Bevor wir zum Ende kommen noch eine letzte Frage, um es dem nächsten, der dich interviewen darf, leichter zu machen: Welche Frage würdest du gerne mal in einem Interview gestellt bekommen?

Ich bin eigentlich recht froh, wenn andere Leute die Fragen stellen, weil ich hoffe, dass es dann auch jemanden gibt, den meine Ausführungen interessieren ...

Da ich nicht nur schreibe, sondern selbst auch sehr gern lese und einen gewissen missionarischen Eifer entwickle, was meine Lieblingsbücher angeht, wäre es schön, wenn ich von den Romanen erzählen dürfte, die ich besonders gern gelesen habe – und erklären könnte, warum sie mir so gut gefallen.

Ich bedanke mich für die interessanten Fragen und wünsche allen Lesern stets angenehme Lektüre!


Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg für deine Bücher!

Kommentare:

  1. Ein tolles und sehr aufschlussreiches Interview. Der Autor ist wirklich sehr sympathisch :)
    Die Phileasson-Saga scheint eine sehr interessante Buchreihe zu werden! Und das nächste Projekt des Autors klingt auch sehr vielversprechend. "Drachenmahr" hab ich mir bestellt, leider gab es kein Exemplar mehr im Buchhandel!

    Liebe Grüße

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    1. Ja ich habe ihn in der Leserunde zu TALADUR kennen gelernt und später nochmal auf der Prämierenlesung zu FEIND erlebt. Den sympathischen Eindruck kann ich nur bestätigen.

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